Auch am Freitag wurde den zahlreichen Zuschauern im nachmittags recht voll besetzten Allianzpark guter Sport in der Dressur der Vielseitigkeits-WM geboten. Julia Krajewski und ihr 12-jähriger Numero-Uno Sohn Uelzener’s Nickel zeigten die beste und ausdrucksstärkste Runde des Tages und wurden dafür von den Richtern mit -22,0 Punkten (78%) belohnt. Sowohl Teamkamerad Michi Jung mit fischerChipmunk FRH, als auch das britische Spitzentrio bestehend aus Laura Collett, Ros Canter und Tom McEwen konnten da nicht mithalten und reihten sich auf den Plätzen hinter Krajewski ein. Doch in der Teamwertung haben die Briten nach der Dressur mit -72,8 Punkten knapp die Nase vorne. Dahinter rangiert das deutsche Team mit -73,6 Punkten auf dem zweiten Platz vor den Franzosen auf Platz 3 mit -84,5. Mit Blick auf das morgen anstehende Gelände dürfte den meisten Beteiligten und Vielseitigkeitsinteressierten klar sein, dass die Platzierung nach der Dressur lediglich einen vorläufigen Charakter haben dürfte. Durch die anspruchsvollen Kombinationen, zahlreichen Alternativen und die teilweise recht kringelige Streckenführung wird die Rangierung mit hoher Wahrscheinlichkeit an vielen Stellen bis morgen nachmittag noch einmal durchmischt werden. Morgen Abend werden die besten Geländepaare weit oben im Leaderboard stehen und nicht zwangsläufig diejenigen, die am besten in der Dressur performt haben.
Resümee der Dressur
Eine Augenweide war die Dressuraufgabe von Julia Krajewski und ihrem bewährten Holsteiner Uelzener‘s Nickel aus dem Besitz von Prof. Dr. Bernd Heicke. Insbesondere die anspruchsvolle Galopptour gelang den beiden so gut und ausdrucksstark wie keinem der weiteren 86 Reitern. Dies wurde mit der Höchstpunktzahl des Tages, nämlich 78 Prozentpunkten belohnt. Für die letzte Grußaufstellung gab es von zwei der drei Richter sogar eine glatte 9. Die Olympiasiegerin zeigte sich im Anschluss an die nahezu fehlerfreie Vorstellung hochzufrieden: ,,Das war unsere beste Dressur in dieser Saison, wenn nicht sogar vom Gefühl her die beste Dressur mit ihm überhaupt!“ Aber sie fügte gleich hinzu, dass die Woche noch lang sei und noch viele Aufgaben vor den beiden lägen bis Sonntag. Für den Rest des Tages steht für Nickel eine Lockerungseinheit mit der Teamphysiotherapeutin Vroni an und natürlich ausgiebiges Grasen auf dem saftigen Aachener Rasen.
Etwas Pech hatte Mitfavoritin Ros Canter (GBR) mit ihrem mehrfachen 5*-Sieger Lordships Graffalo. Die beiden hatten als vorletzte Starterin eine reelle Chance noch an Krajewski vorbeizuziehen. Doch genau in ihrer Schrittour beendete Katharina Hemmer im großen Stadion nebenan ihren Bronzeritt und das Publikum im Aachener Stadion feierte sie so laut, dass dies auch im Allianzpark deutlich zu hören war. Im Schritt blieb ,,Walter“ zwar erstaunlich ruhig, doch in der Galopptour ging den beiden die Konzentration (ob des anhaltenden Applauses nebenan) etwas verloren und es schlichen sich Fehler in der Wechseltour ein, was die beiden einige Punkte kostete. Sie liegen nun vor dem Gelände mit -23,4 Punkten auf Platz 4. Platz 2 vor dem Gelände sicherte sich mit -22,8 Punkten die amtierende Einzel-Europameisterin Laura Collett (GBR) mit ihrem 17-jährigen Landos-Sohn London 52 aus der Zucht von Ocke Riewerts.
Die letzten beiden Weltmeisterschaften führte fischerChipmunk FRH nach der Dressur an – 2018 mit Julia Krajewski in Tryon (USA) und 2022 in Pratoni (ITA) mit Michi Jung. Nun liegt er nach einer tollen Vorstellung, jedoch mit einem kleinen Wackler beim dritten fliegenden Wechsel, mit -23,0 Punkten vor dem Gelände auf Platz 3. Michi, der sich leider eine Erkältung eingefangen hat, steckt jedoch den Kopf nicht in den Sand: ,,Alle sind sehr verwöhnt von Chipmunks Dressuren, heute war ich sehr zufrieden mit ihm, auch wenn es mit Spitzenplatz noch nicht geklappt hat, aber so ist das Leben mit Pferden und das Turnier ist ja noch nicht vorbei.“
Als Dritter im Bunde ritt noch Christoph Wahler als deutscher Einzelreiter mit D’Accord FRH am Freitag Mittag seine Dressur. Auch wenn D‘Accord mit Sicherheit nicht der größte Bewegungskünstler ist, so bestachen die beiden als letztes Paar vor der Mittagspause mit einer durchlässigen, gehorsamen und korrekten Vorstellung im Allianz Park, wo sich durchaus einige Buschpferde von der Atmosphäre beeindruckt zeigten und etwas mehr „an“ waren als zunächst vermutet. D’Accord dagegen bezeichnete Christoph im Anschluss an seinen Ritt als eher ,,entspannten Kameraden“ was die Dressur angeht. Die beiden blieben mit -29,4 Punkten knapp oberhalb der 70 Prozent Marke und auch Christoph zeigte sich sehr zufrieden mit der gezeigten Leistung: ,,D‘Accord war echt entspannt in der Atmosphäre da drin, die übrigens echt gewaltig Spaß macht. Das Ganze hat mich vom Ambiente her mit dem Grasplatz sehr an Burghley erinnert und ich glaube, wenn das Pferd bei dieser Atmosphäre so bei einem bleibt, dann zeugt das schon davon, dass wir eine ganz gute Verbindung zueinander haben.“
Mit Blick auf die Geländestrecke resümierte Christoph am Freitag Nachmittag: „Es ist ein interessanter Kurs. Ich glaube, dass er wahnsinnig viel Konzentration von den Reitern abverlangt und wir alle Wege und Alternativen sicher kennen müssen, auch wenn natürlich erst einmal der Plan ist überall den direkten Weg zu reiten. Auf dem direkten Wegen ist es durchaus ein 5*-Kurs, wenn man die Alternativen wählt, dann ist es zwar sehr lang, aber auf einem machbaren 4*-Niveau.“
Die anderen beiden deutschen Teamreiterinnen Libussa Lübbeke und Malin Hansen-Hotopp hatten ihre Dressur bereits am Donnerstag absolviert und liegen nach der Dressur auf den Plätzen 28 (-31,3) bzw. 11 (-28,6).
Vorschau Gelände
Der Kurs wurde von verschiedenen Reitern als echter ,,Championship-Kurs“ eingeordnet. Was direkt beim Blick auf die Course Map auffällt ist, dass die offiziell gemessene Länge mit 5600 Metern (Optimum Time 9:50 Min) an der absolut unteren Grenze für die Länge eines FEI Championates (WM oder Olympische Spiele) angesiedelt und mit 42 zu überwindenden Sprüngen (28 Hindernisse) an der absoluten Obergrenze der erlaubten Efforts laut FEI Reglement ist. Das bedeutet, dass der Kurs allein von den technischen Daten her als sehr intensiv eingeschätzt werden kann. Dies deckt sich mit den Aussagen der Reiter, die den Kurs vor allem im letzten Drittel als recht kringelig beschreiben. Dies bedeutet, dass die Zeit recht schwer einzuhalten sein dürfte. Die vom technischen Anspruch leichteren Alternativen sind meist deutlich länger und oft auch mit mehr zu überwindenden Sprüngen verbunden, was zusätzlich Kraft kosten dürfte.
Des weiteren fällt auf, dass gerade in den technisch anspruchsvollen Kombinationen, mit einer Ausnahme (Hindernis 24 abc), alle Ecken und schrägen Hindernisse aus einer Linkswendung anzureiten und nach rechts offen sind. Die Pferde müssen also insbesondere in dieser Wendung sicher und gut am Bein sein, damit die Reiter keinen Vorbeiläufer riskieren.
Michi Jung zum Geländekurs: ,,Ich denke es ist ein anspruchsvoller, aber fairer Kurs, vielleicht ein bisschen kringelig, insbesondere in Richtung Ende. Die Bedingungen sind aber sehr gut, der Boden ist super vorbereitet für die Pferde und es gibt viele verschiedene Optionen für die verschiedenen Pferde und die unterschiedlichen Reiter die hier morgen an den Start gehen werden, denn jeder kann sich hier und da aussuchen, was am besten für ihn passt.“
Christoph Wahler zum Geländekurs: ,,Ich glaube, dass der Kurs wahnsinnig viel Konzentration von den Reitern abverlangt, natürlich auch von den Pferden, aber ich glaube dieses Mal ist die Denksportaufgabe für uns Reiter relativ groß, sodass wir jeden langen Weg und die wahnsinnig vielen alternativen Routen auch gut studiert haben müssen. Grundsätzlich soll aber natürlich der Plan sein, dass wir erst einmal geradeaus die direkten Wege nehmen. Wenn man alle Linien kompetitiv und schnell auf der direkten Linie reiten möchte, dann ist es ein 5*-Kurs, wenn man auf Nummer sicher gehen will, und hier und da längere Wege nimmt, dann wird man relativ lange brauchen, aber dann hat man einen sehr fairen 4*-Kurs. Ich glaube es ist genau das was wir von einer WM erwartet und uns auch erhofft haben. Ich finde das Coffin sehr anspruchsvoll, denn es kommt verhältnismäßig früh im Kurs und man hat vorher nur eine Kombination, sodass das ein oder andere Pferd wahrscheinlich schon überrascht sein wird. Aber wenn D’Accord gut drauf ist, kann er alle Kurse schnell und null gehen.“
Die Startzeiten für unsere deutschen Reiter im Gelände am Samstag (15. August)
- 9:51 Uhr Uhr: TEAM Libussa Lübbeke mit Caramia (Züchterin: Annelie Lübbeke; Besitzer: Annelie & Martin Lübbeke; Pferdepflegerin: Annelie Lübbeke)
- 11:27 Uhr: TEAM Malin Hansen-Hotopp mit Carlitos Quidditch K (Züchterin: Miriam Kühl; Besitzerin: Bodil Ipsen; Pferdepflegerin: Gesche Beerbaum)
- 13:39 Uhr: TEAM Julia Krajewski mit Uelzener’s Nickel (Züchter: Hindrick Stüvel; Besitzer: Prof. Dr. Bernd Heicke; Pferdepflegerin: Charlotte Wieland)
- 14:23 Uhr: EINZEL Christoph Wahler mit D’Accord FRH (Züchterin: Christa von Paepcke; Besitzer: Stefan Haupt & Hendrik von Paepcke; Pferdepflegerin: Magdalena Lidenholm)
- 15:19 Uhr: TEAM Michael Jung mit fischerChipmunk FRH (Züchter: ZG Meyer-Kulenkampff; Besitzer: DOKR, Klaus & Sabine Fischer, Joachim Jung; Pferdepflegerin: Christina Franzeski)
Wichtige Links
- Geländekurs: Der mit Spannung erwartete WM Geländekurs von Course Designer Giuseppe della Chiesa ist auf der Cross Country App veröffentlicht worden.
- Die Starterlisten und Live Ergebnisse gibt es wie gewohnt bei Rechenstelle.de
Übertragung Vielseitigkeit Gelände:
- Das Gelände wird am Samstag von 14:20 – 16:00 Uhr im TV im ZDF übertragen
- Das Gelände kann außerdem am Samstag von 8:40 – 16:00 Uhr auf Sportschau.de kostenlos gestreamt werden. Dort kommentiert neben Carsten Sostmeier als Expertin Bettina Hoy das Geschehen auf der Geländestrecke.
Übertragung Vielseitigkeit Springen:
- Das Abschlusspringen wird am Sonntag um 12:45 – 13:15 Uhr (Teil 1) live auf der ARD im TV übertragen, der zweite Teil des Springens wird dann ebenfalls live in der ARD von 15:30 – 16:35 Uhr gezeigt
- auch das Springen kann in voller Länge im Sportschau.de Livestream verfolgt werden
Fotos: Lutz Kaiser @Datenreiter