Reiten auf dem Golfplatz? Ein Traum für viele Reiter, der jedoch in der Regel unerfüllt bleibt, da Hufabdrücke auf dem präzise gepflegten Rasen wahrscheinlich so ziemlich der Albtraum eines jeden Greenkeepers sein dürften. Im französischen Chaumont-en-Vexin, etwa eine Autostunde nordwestlich von Paris, war jedoch Reiten auf dem Golfplatz ausnahmsweise ausdrücklich erwünscht. Vor dem majestätischen Château de Bertichères gingen am letzten Maiwochenende ganze 533 (!!!) Starterpaare in neun internationalen Prüfungen an den Start. Ein Run, mit dem der Veranstalter, der erst zum zweiten Mal Prüfungen auf 4*-Niveau austrug, wahrscheinlich so nicht gerechnet haben dürfte. Das Who-is-Who der Vielseitigkeitselite aus ganz Europa reiste mit ihren Toppferden auf den LKWs an, um sich teilweise noch ausstehende Quali-Ergebnisse für einen Start beim Championat zu sichern. Rund um das Schloss ging es auf dem gepflegten und fast rund um die Uhr bewässerten Areal bereits am Mittwoch los, um alle Starter bei Tageslicht sicher ins Ziel zu bringen. Für das Design der Strecken zeichnete sich der Brite Eric Winter verantwortlich. Auch einige Deutsche waren mit von der Partie in Frankreich. Besonders erfolgreich war Calvin Böckmann, der in der CCI3*-S einen Doppelsieg feiern konnte. Außerdem platzierte sich Arne Bergendahl mit Bronco NRW in der stark besetzen CCI4*-S Prüfung.
CCI4*-L: Der Sieg geht nach Großbritannien
Unter den 47 Paaren in der langen 4*-Prüfung waren keine deutschen Reiter vertreten, nachdem der einzige deutsche Starter Christoph Wahler seinen Gainsbourg de Bedon vor der Dressur zurückgezogen hatte. Am Ende siegte die Dressursiegerin Gemma Stevens mit ihrem 14-jährigen Irish Sport Horse Flash Cooley mit ihrem Dressurergebnis von -24,4 Punkten. Damit dürften die beiden sich nur rund zweieinhalb Monate vor der Weltmeisterschaft in Aachen in das Blickfeld der britischen Selektoren geschoben haben, deren Auswahlmöglichkeiten zur Teamzusammensetzung bekanntermaßen meist besonders breit gefächert sind.
CCI4*-S: Arne Bergendahl und Bronco NRW platzieren sich an achter Stelle
Auch die CCI4*-S war mit 70 Startern sowohl quantitativ als auch qualitativ gut besetzt. Es siegte jedoch überraschend die erst 24-jährige Französin Clara Cazeneuve mit der 13-jährigen Selle Français Stute Dolce Gabana und ihrem Dressurergebnis von -29,8 Punkten. Die Schülerin des französischen Championatsreiters Maxime Livio konnte beim erst zweiten Start auf diesem Niveau sogleich an die Spitze reiten.
Als bester deutscher Reiter in der Prüfung platzierte sich Arne Bergendahl mit dem nun 10-jährigen Bronco NRW (Züchter: Helmut Bergendahl; Besitzerin: Susanne Dörner) auf einem starken achten Platz in der gleichen Prüfung. Für die Vorstellung im Dressurviereck erhielt das Duo aus Hamminkeln -28,5 Punkten und im Springparcours blieben alle Stangen liegen. Es wäre sogar der Sieg möglich gewesen, doch 3,2 Zeitstrafpunkte für acht Sekunden Zeitüberschreitung schlugen teuer zu Buche und ließen die beiden ein paar Plätze in der Rangierung nach hinten fallen. Dennoch konnte Bronco, der in Chaumont-en-Vexin erst in seiner zweiten Vielseitigkeit in diesem Jahr startete, seine konstante und zuverlässige Form in allen drei Teilprüfungen auch in dieser durchaus anspruchsvollen Prüfung bestätigen.
CCI3*-S: Doppelsieg für Calvin Böckmann
Besonders rund lief es für Calvin Böckmann, der sich aus Warendorf auf den rund 8,5 Fahrtstunden dauernden Weg nach Frankreich gemacht hatte. Neben Nachwuchspferd Bubine P, die in der CCI2*-L an den Start ging, waren der Bundeschampion von 2024, Kasparow FRH und Calvins langjähriges Erfolgspferd Altair de la Cense für die CCI3*-S mit von der Partie. Mit beiden Pferden lief es in der 3*-Kurzprüfung wie am Schnürchen, sodass Calvin bereits nach der Dressur an den Plätzen 1 und 2 lag. Diese Positionen gab er auch nach den folgenden Teilprüfungen nicht mehr ab und gewann mit -24,7 Punkten im Sattel des erst achtjährigen Kasparow FRH (Züchter: Friedrich Thiesse; Besitzer: Familie Böckmann) vor Stallnachbarin Altair de la Cense (Züchter: Diego Filipa Horta E Costa; Besitzer: Familie Böckmann) mit -25,2 Punkten. Für Kasparow war es nach den Prüfungen in Kronenberg und Oudkarspel bereits der dritte internationale 3*-Sieg in Folge in dieser Saison.
Vielseitigkeitssport Deutschland auf der Heimfahrt aus Frankreich konnte mit Calvin über das Turnier in Chaumont-en-Vexin sprechen:
,,Bereits im vergangenen Jahr war ich als Zuschauer vor Ort und schon damals absolut angetan von der Kulisse. Das Turniergelände, eingebettet in den Garten eines Châteaus, dessen Gelände gleichzeitig als Golfplatz dient, hat einfach ein ganz besonderes Flair. Umso mehr habe ich mich gefreut, dieses Jahr selbst im Sattel zu sitzen. Allerdings steckt die Veranstaltung doch noch etwas in den Kinderschuhen. Die Anzahl der Nennungen war in diesem Jahr unerwartet hoch – ein regelrechter Ansturm, mit dessen Masse an Reitern die Veranstalter verständlicherweise noch nicht die ganz große Erfahrung hatten. Hinzu kam noch die extreme Hitze an den ersten Tagen hier vor Ort. Dennoch muss man dem Organisationsteam ein großes Lob aussprechen: Sie haben unheimlich viel möglich gemacht und alles versucht, um trotz der Massen und des Wetters die besten Bedingungen auf allen Plätzen zu schaffen – sei es auf den drei Vierecken, die parallel auf einem Platz untergebracht waren, oder auf der großen Abreitwiese auf Golfrasen. Sportlich lief es für uns einfach überragend – und das nun schon das dritte Mal in Folge mit Kasper! Auch Ali zeigte gelungene Runden auf einem etwas niedrigeren Niveau, damit wir bald wieder in der nächst höheren Klasse angreifen können. All das in einem extrem starken, hochkarätigen Feld. Genau das habe ich an diesem Wochenende geschätzt: Es war ein Turnier, bei dem man sich mal wieder mit vielen richtig guten Reitern messen konnte und eine reelle, ehrliche Leistungsabfrage bekam. Das Gelände war anspruchsvoll und forderte auch von den Reitern höchste Konzentration. Der Kurs begann zunächst recht flach, hielt dann aber doch deutlich mehr Hügel und Höhenunterschiede bereit, als man im Vorfeld gedacht hätte. Landschaftlich war es ein toller Mix aus Passagen unter schattigen Bäumen und weiten Abschnitten, die ideal zum Galoppieren einluden.“
Was die weitere Saisonplanung angeht, haben wir glücklicherweise alle Fäden selbst in der Hand: Da Kasper komplett in unserem Besitz ist, können wir seinen Turniereinsatz absolut selbst steuern. Wir schauen jetzt ganz in Ruhe, wie er sich regeneriert, und wenn weiterhin alles gut ist, wird der Schritt in die nächste Klasse geplant.“
Doch nach jedem Wochenende folgt bekanntlich bald schon das nächste: Nach 650 Kilometern Heimfahrt steht für Calvin bereits am Montag Morgen das nächste Springtraining an, bevor es Mittwoch früh zunächst zur Jungpferdeprüfung geht. Nachmittags steht dann schon die Anreise nach Balve an, wo Calvin im Springlager an den Start gehen wird.

CCI2*-L: Noch eine Schleife für Calvin Böckmann
Auch aus der langen 2*-Prüfung konnte Calvin Böckmann eine Schleife mit zurück nach Warendorf nehmen. Hier startete er mit der achtjährigen Brandenburger-Stute Bubine P (Züchter & Besitzer: Pietscher GbR) in deren erster CCI2*-L Prüfung. Die Tochter von Ingrid Klimkes ehemaliger Stute Van Hera P beendete die Prüfung mit einem FOD (Finish on Dressage Score) von -33,9 Punkten. Es siegte der Brite Andrew Downes mit dem siebenjährigen französischen Wallach Jaksparo und -30,9 Punkten.
CCI2*-S: Gleich mehrere deutsche Starter in der Platzierung
In der 2*-Kurzprüfung feierte Tim Lips Bereiterin Jillian Giessen mit den beiden achtjährigen Pferden Ni Hao (-27,5) und dem Holsteiner Brisbane (-31,3) einen Doppelsieg. Als beste Deutsche ritt die Silbermedaillengewinnerin der Junioren EM des vergangenen Jahres, Pia Sophie Schreiber mit Cliemann (Züchterin: Ulrike von Stietencron; Besitzer: Arne Bergendahl) auf Platz 7. Mit dem Dressurergebnis von -30,3 Punkten hätte es fast zum zweiten Platz reichen können, jedoch fiel im Parcours der Einsprung der ersten zweifachen Kombination, sodass sich das Konto auf -34,3 Punkte erhöhte.
Weitere platzierte deutsche Starter in der CCI2*-S: 14. Brandon Schäfer-Gehrau mit Cadorico (-35,7); 19. Philine Ganders Meyer mit Coromandel du Moulin (-37,9).

