Noémi Doerfer ist 27 Jahre jung und konnte sich in den letzten Jahren auf der internationalen Bühne der Vielseitigkeit etablieren. Mit ihren beiden Pferden Piltown Harry und Crystal Barney ist sie bis zur Klasse CCI4*-L erfolgreich unterwegs und konnte im vergangenen Herbst im britischen Blenheim ihr erstes Championat auf einem hervorragenden 22. Platz beenden. Noémi wuchs in Deutschland auf und lebt mittlerweile auch wieder hier, startet jedoch international für Ungarn, dem Heimatland ihrer Mutter. Beim zweiten CHIO Aachen Campus Anfang März 2026 mit Chris Bartle war sie mit ihren beiden Pferden in der Soers am Start und berichtet im Interview mit Vielseitigkeitssport Deutschland von ihren Erfahrungen.
VSD: Warum hast du dich dazu entschieden am Lehrgang mit Chris Bartle in Aachen zu Beginn der Saison teilzunehmen?
Noémi Doerfer: Ich hatte bereits im vergangenen Jahr mitbekommen, dass der Lehrgang in Aachen erstmals stattfand – und fand die Kombination aus Chris Bartle und dem Standort Aachen sofort spannend. Dieses Jahr habe ich dann über Juliane Wyrwol erfahren, dass der Kurs erneut angeboten wird, diesmal sogar ideal zur Saisonvorbereitung im März. Das hat für mich perfekt gepasst, da ich gezielt nach einer hochwertigen Ergänzung in der Vorbereitung gesucht habe. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich mit zwei Pferden teilnehmen durfte.
VSD: Wie war der Ablauf des Lehrgangs?
Noémi Doerfer: Der Lehrgang erstreckte sich über etwa zweieinhalb Tage und war sehr vielseitig aufgebaut. Nach einem gemeinsamen Auftakt mit Welcome Brunch und einer Einführung durch die Organisatoren – darunter Konstantin Harting – folgte ein theoretischer Teil mit Chris Bartle. Sein Ansatz ist stark von physikalischen Zusammenhängen geprägt und verbindet Theorie und Praxis auf sehr verständliche Weise. Auch wenn viele Inhalte bekannt waren, ist es immer wieder wertvoll, neue Perspektiven und Erklärungsansätze zu bekommen. In den folgenden Einheiten wurde intensiv praktisch gearbeitet: von Cavaletti-Arbeit über Parcours bis hin zu simulierten Geländesituationen. Besonders spannend fand ich die Möglichkeit, neue Elemente auszuprobieren, die ich so zuvor noch nicht geritten war. Ergänzt wurde das Programm durch einen Futter-Workshop, gezieltes Dressurtraining mit Fokus auf Übergänge und Rittigkeit sowie eine sehr praxisnahe Reiterfitness-Einheit. Ein weiteres Highlight war die Videoanalyse, bei der unter anderem Top-Ritte analysiert wurden. Der Abschlusstag stand ganz im Zeichen des Geländetrainings, bei dem wir eigenständig Linien erarbeiten und gemeinsam reflektieren konnten.
VSD: Hast du in der Vergangenheit schonmal bei Chris trainiert?
Noémi Doerfer: Nein, das war meine erste direkte Trainingserfahrung mit ihm. Gerade aufgrund seiner internationalen Erfahrung als ehemaliger deutscher und aktueller britischer Bundestrainer war das für mich eine besonders wertvolle Gelegenheit. Durch meine Zeit in England konnte ich zwar bereits mit hochkarätigen Trainern arbeiten, aber dieser Lehrgang hat mir noch einmal neue Impulse gegeben.
VSD: Wie würdest du seine Trainingsphilosophie beschreiben?
Noémi Doerfer: Sein Ansatz ist sehr klar strukturiert und logisch aufgebaut. Im Mittelpunkt stehen physikalische Prinzipien, die konsequent in die Praxis übertragen werden. Ein zentraler Gedanke ist dabei die absolute Konsistenz im Training: klare Abläufe, wiederholbare Muster und das Vertrauen in ein funktionierendes System. Nur so kann sich langfristig eine stabile Entwicklung einstellen.
VSD: Was sind die wichtigsten Learnings aus dem Training? Welche Tipps kannst du an unsere Leserinnen und Leser weitergeben?
Noémi Doerfer: Die grundlegenden Prinzipien wurden nochmals geschärft: Konsistenz, Balance, ein stabiler Oberkörper und eine klare Blickführung sind essenziell. Besonders wertvoll war für mich auch das bessere Verständnis dafür, wie man die Zügel korrekt nachgibt, ohne die Verbindung zum Pferd zu verlieren – ein Detail, das in der Praxis einen großen Unterschied macht.
VSD: Hat sich etwas beim Lehrgang überrascht? Hast du etwas über Aachen gelernt das du noch nicht wusstest?
Noémi Doerfer: Der Lehrgang selbst hat meine Erwartungen im Grunde genau erfüllt. Besonders beeindruckend war jedoch der Blick hinter die Kulissen in Aachen. Die Führung über das Gelände und durch das Museum hat noch einmal deutlich gemacht, wie viel Organisation und Struktur hinter einer solchen Veranstaltung steckt.
VSD: Was sind deine Ziele für die kommende Saison?
Noémi Doerfer: Das große Ziel ist ganz klar die Weltmeisterschaft in Aachen. Eine Teilnahme wäre ein bedeutender Meilenstein – nicht nur persönlich, sondern auch für das ungarische Eventing insgesamt. Gleichzeitig liegt mein Fokus darauf, mich kontinuierlich weiterzuentwickeln und die Zusammenarbeit mit meinen Pferden weiter zu verbessern. Für mich steht dabei weniger das Ergebnis im Vordergrund, sondern vielmehr konstante, qualitativ hochwertige Ritte und das Finden des individuellen „Schlüssels“ für jedes Pferd.
Wir bedanken uns herzlich bei Noémi für das interessante Interview und die Einblicke in das Training mit Chris Bartle. Die Vielseitigkeitssport Deutschland Redaktion wünscht viel Erfolg für die anstehende Saison und wir hoffen sie im Sommer in Aachen bei der WM wiederzusehen!
