Kadernominierung bringt große Fragezeichen in Richtung Tokio

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Kadernominierung bringt große Fragezeichen in Richtung Tokio

Michael Jung- fischerWild Wave / Ready Steady Tokyo 2019 / Bild: FEI

Schon die Olympischen Spiele in Rio waren aus deutscher Sicht mit vielen Unruhen behaftet, was Nominierungsentscheidungen anging. Die großen Fragezeichen um den Einsatz von Ersatzreiterin Julia Krajewski gegen Andreas Ostholt, der nach der Ankunft in Rio mit dieser Entscheidung konfrontiert wurde, sind noch in den meisten Köpfen.

Doch schon bei der Nominierung der Longlist-Kandidaten gab es erste Fragezeichen. Es wurden Plätze der Longlist frei gelassen, obwohl es noch eine Reiterin gab, die die DOSB Kriterien erfüllte. Eine Begründung dafür – Fehlanzeige.

Nun stehen wir wieder im vorolympischen Jahr, nächstes Jahr finden die Olympischen Spiele in Tokyo statt. In dieser Woche wurden die nominierten Kaderreiter für das Jahr 2020 bekannt gegeben. Und wieder: große Fragezeichen.

Der DOSB sah bisher immer die doppelte Anzahl der Championatspaare für den Olympiakader vor- im kommenden Jahr fliegen 3 Paare plus 1 Reservepaar in Richtung Tokyo. So wären zumindest 6 Plätze im Olympiakader vorgesehen.

Belegt wurden durch die aktuelle Nominierung allerdings nur 4 Plätze. Das Vertrauen in Richtung Olympische Spiele wurde Sandra Auffarth, Andreas Dibowski, Michael Jung und Ingrid Klimke ausgesprochen mit den Pferden Let’s Dance und Viamant du Matz, FRH Corrida, fischerChipmunk FRH und fischerRocana FST, SAP Asha P sowie dem amtierenden Europameister SAP Hale Bob OLD.

Diese vier Paare scheinen also die erste Wahl für Tokio 2020 zu sein. Die Kriterien aufgrund derer diese Auswahl getroffen wurde, werden wie in den vergangenen Jahren nicht veröffentlicht.

Nach den Europameisterschaften konnte man von Bundestrainer Hans Melzer und dem Ausschussvorsitzenden Dr. Jens Adolphsen ausschließlich positive Stimmen vernehmen. 12 Paare waren gestartet, 10 davon ritten ohne Hindernisfehler im Gelände ins Ziel. Und auch im Springen konnten die deutschen Paare überzeugen. Von einer „geschlossen guten Teamleistung“ im deutschen Lager war beispielsweise die Rede.

Doch scheinbar nicht gut genug, um sechs Paaren das Vertrauen für den Olympiakader zu schenken.

In den Perspektivkader wurden nun acht Paare berufen: Felix Etzel mit seinem EM-Pferd Bandit, Julia Krajewski deren Samourai du Thot verletzungsbedingt bei der EM nicht starten konnte, Jörg Kurbel mit seinem 5* erfahrenen EM-Pferd Josera’s Entertain You, Andreas Ostholt mit der 5* platzierten, aber zur EM nicht rechtzeitig fitten Corvette, Kai Rüder mit dem Mannschafts-Europameister Colani Sunrise, Anna Siemer mit der EM platzierten Butt’s Avondale und Betel’s Bella, Anna Vogel mit der ebenfalls EM-platzierten Quintana P sowie Christoph Wahler mit dem EM-platzierten Carjatan S und Ignatz.

Auch der Nachwuchskader ist noch mit weiteren EM-Paaren bestückt: Nicolai Aldinger mit Newell, Hanna Knüppel mit Carismo, Nadine Marzahl mit Valentine, Frank Ostholt mit Jum Jum, Class Herrmann Romeike mit Cato, Dirk Schrade mit Catelan und Unteam de la Cense, Josefa Sommer mit Hamilton sowie Peter Thomsen mit Casino und Horseware Nobleman.

In früheren Jahren wurde von offizieller Seite aus immer wieder eine Bedingung für den Championatseinsatz genannt: Die Paare müssen 5* erfahren sein.

2019 starteten insgesamt fünf Paare auf 5* Niveau: Kai Rüder und Colani Sunrise beendeten Badminton, Andreas Ostholt und Corvette platzierten sich in Luhmühlen. Nach einem Sturz in Luhmühlen konnte Andreas Dibowski sich mit FRH Butts Avedon in Pau platzieren. FRH Butts Avedon ist aber nun als Lehrpferd zur Besitzerfamilie gegangen, sodass dieser nicht mehr für den Spitzensport zur Verfügung steht. Elmar Lesch und Rough Diamond starteten in Pau, schieden aber im Gelände aus, Nicolai Aldinger und Newell beendeten die Prüfung auf dem undankbaren ersten Reserveplatz. Von den genannten Paaren wurde keines im Championatskader berücksichtigt.

In einer Pressekonferenz machte der britische Championatsreiter und mehrmalige Weltranglisten-Erste, Oliver Townend, seinem Unmut etwas Luft. Er monierte, dass die Deutschen zwar in Luhmühlen den Heimvorteil nutzen konnten und dort gewannen, aber wo sie denn bei den schwersten Prüfungen der Welt seien. Man solle mal die nächsten Championate im Auge behalten.

Dahinter verbirgt sich die Philosophie des jetzigen britischen Nationaltrainers Chris Bartle, die dieser als Co-Bundestrainer auch in Deutschland umsetzte: Die Reiter sollen sich mit ihren Pferden in den schwersten Prüfungen mit den besten Paaren messen.

Schaut man auf die zuvor genannten 5* Starts in diesem Jahr, so ist seine kritische Anmerkung ernst zu nehmen. Die Briten gewannen in diesem Jahr den Klassiker in Badminton durch Piggy French, den Klassiker in Burghley durch Pippa Funnell, die 5* Prüfung in Pau durch Tom Mc Ewen, der in Luhmühlen bereits Zweiter vor Alexander Bragg wurde.

Ganz so übermächtig sehen dagegen die oben aufgeführten deutschen Erfolge nicht aus.

Die 7 im Olympiakader gelisteten Pferde können bisher nicht alle auf 5* Erfahrung und Erfolge zurückgreifen:

SAP Hale Bob OLD – Sieg 2014 CCI5*-L in Pau, 2015 Zweiter in Badminton, 2017 Neunter in Badminton; Championatserfolge Weltmeisterschaften und Olympische Spiele: Platz 14 in Rio (OS), Platz 3 in Tryon (WEG)

SAP Asha P – kein 5* Start

fischerChipmunk FRH – kein 5* Start; Platz 39 bei den WEG in Tryon unter Julia Krajewski

fischerRocana FST – 2014 Zweite beim CCI5*-L in Luhmühlen, 2015,2016 und 2017 Sieg in Kentucky CCI5*-L, 2018 Zweiter in Kentucky, 2015 Zweite, 2016 Dritte in Pau; Championatserfolge Weltmeisterschaften und Olympische Spiele: Platz 2 bei den WEG in Caen 2014

FRH Corrida – kein 5* Start; Platz 28 bei den WEG in Tryon 2018

Let’s Dance – kein 5* Start

Viamant du Matz – kein 5* Start; ausgeschieden bei den WEG in Tryon 2018

Auch die Championatserfolge der letzten Jahre ließen das deutsche Team nicht mehr ganz so im schwarz-rot-goldenen Glanz erstrahlen, wie es der Sensationserfolg in Luhmühlen vermuten lässt. 2016 wurde es trotz zwei Vorbeiläufern im Gelände noch Silber für die Mannschaft in Rio (Ingrid Klimke mit SAP Hale Bob OLD und Sandra Auffarth mit Opgun Louvo hatten je einen Vorbeiläufer, Julia Krajewski schied mit Samourai du Thot aus, Michael Jung gewann Einzel-Gold mit Sam.). 2017 in Strzegom (EM) landete das Team nach der positiven Medikationsprobe von Samourai du Thot auf Platz 10, Ingrid Klimke gewann Einzel-Gold, Michael Jung Einzel-Silber. Und auch 2018 verliefen die Weltreiterspiele für die Deutschen nicht so glanzvoll, Ingrid Klimke gewann Einzel-Bronze, das Team endete auf Platz 5.

Großbritannien scheint mit dem Qualifikationsweg von Chris Bartle gut unterwegs zu sein: Neben Mannschaftsgold bei den Europameisterschaften 2017 in Strzegom konnten sie auch Einzel- und Mannschaftsgold in Tryon bei den Weltmeisterschaften 2018 gewinnen. Hinzu kommt Mannschaftssilber bei den Europameisterschaften in Luhmühlen 2019.

Ein weiteres großes Fragezeichen in Richtung Tokio bringt die Frage des geeigneten Pferdetypen mit sich. Wenn das Testevent in diesem Jahr eine Erkenntnis zu Tage brachte, dann diese: In Tokio werden blutgeprägte Pferde benötigt, da diese mit den vor Ort herrschenden Bedingungen wie Klima, Topografie, Streckenaufbau am besten zurechtkommen können.

Der Vollblutanteil und das Alter in 2020 der Pferde derzeit favorisierten vier Kadermitglieder im Folgenden: (Anmerkung: Durch Horsetelex sind die Vollblutanteile bis in die fünfte Generation zurück berücksichtigt!)

Der Trend zu Pferden mit geringerem Vollblutanteil zeichnete sich im Championatskader schon 2014 ab: https://www.buschreiter.de/vollblutanteil-der-championatskaderpferde-2014/

Der Vollständigkeit halber möchten wir noch die Vollblutanteile der Pferde im Perspektivkader aufzeigen, die verdeutlichen, dass die Nominierungsentscheidungen ohne klare Kaderkriterien nicht nachvollziehbar sind:

Wir dürfen gespannt sein, welche Pferde und Reiter die deutschen Farben bei den Olympischen Spielen vertreten dürfen. Klar ist aber eins: Motivation sieht für die meisten Reiter und natürlich auch deren Besitzer und Förderer anders aus.

Nicht zuletzt sorgte diese Unklarheit dafür, dass bereits einige erfolgreiche Vielseitigkeitspferde den Weg ins Ausland gefunden haben. Frustration und Intransparenz für die Besitzer und Unterstützer bringen ein Abwenden vom Spitzensport mit sich. Dies stellt die Zukunft des Sports doch sehr auf die Probe. Talentierte Nachwuchsathleten haben es immer schwerer, Besitzer zu finden, die Motivation und Freude daran haben, sich mit guten Pferden zu engagieren.

Klar formulierte, öffentlich gemachte Kaderkriterien würden für Klarheit und Fairness sorgen- das vermissen wir in der Vielseitigkeit leider. Die häufig genannte Begründung: Auch Faktoren, die außerhalb der messbaren Ergebnisse liegen, haben einen Einfluss. Ist das denn nicht auch bei vielen anderen Sportarten so, die trotz alledem klare und messbare Ergebnisse als Vorgaben für Kader und Nominierungen setzen? Gibt es beispielsweise nicht auch unter Leichtathleten Sportler, die besser mit warmen Temperaturen zurechtkommen, als andere? Gibt es dort nicht auch den Sportler, der bessere Nerven unter sportlichem Druck beweisen konnte, als andere?

Dies ist wahrlich keine neue Problematik und doch werden bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung immer wieder die Sorgen um fehlenden Nachwuchs thematisiert. Transparenz wäre in einem Sport, in dem der finanzielle Aspekt keinen unwesentlichen Faktor darstellt, sicherlich förderlich, um jungen Talenten zu guten Pferden zu verhelfen und um diese für den Championatseinsatz aufzubauen und zu erhalten.

Mannschaftsgold bei den Europameisterschaften 2019 in Luhmühlen / v.l. Andreas Dibowski, Ingrid Klimke, Ausschussvorsitzender Dr. Jens Adolphsen, Michael Jung, Kai Rüder / Bild: Lutz Kaiser