Interview Jörg Kurbel – Der große Traum

Vielseitigkeitsreiter Jörg Kurbel (48) hat ein großes Ziel vor Augen: Er möchte es einmal zu den Olympischen Spielen schaffen. Kurz davor stand er bereits, als ihm vor den Spielen in Sydney 2000 der Sprung in die engere Auswahl gelang. Doch es waren andere Zeiten, Pferde verletzten sich schneller bei den langen Geländestrecken mit Mammut-Sprüngen – so geschehen auch bei Jörg Kurbel. An diesem Schock hatte der ambitionierte Reiter lange zu knabbern, doch mit dem heute 14-jährigen Brookfield de Bouncer gelang ihm nach jahrelanger Abstinenz noch einmal der Sprung unter die Top-Leute seines Sports. Mit zahlreichen Nachwuchspferden kann der Familienvater aus Rüsselsheim nun auf eine interessante Perspektive Richtung Japan 2020 blicken – frei nach dem Motto: Nichts ist unmöglich.

Sie leben in Rüsselsheim ganz in der Nähe von Wiesbaden, wo ja alljährlich eine der schönsten deutschen Vielseitigkeitsprüfungen im Rahmen des Pfingstturniers stattfindet. Was bedeutet Ihnen dieses Turnier und dass dort seit einigen Jahren eine Vielseitigkeits-Prüfung ausgetragen wird?

Na klar, Wiesbaden ist ein ganz besonderes Turnier. Das ist eine Riesensache für mich. Vor allem ist das natürlich so, da neben uns „Buschreitern“ auch unzählige Spring- und Dressurreiter vor Ort sind. Das ist ja normalerweise bei unseren großen Turnieren nicht der Fall. Es kommen wirklich mal alle zusammen. Bereits als Kind bin ich immer mit meinen Eltern nach Wiesbaden gefahren und dort die großen Namen wie Hartwig Steenken, Gert Wiltfang, Alwin Schockemöhle oder Eddie Macken gesehen. Schon damals war es für mich ein absoluter Traum, dort eines Tages zu reiten. Umso schöner ist es, dass ich mir diesen nun erfüllen kann.

Haben Sie weitere Turniere, bei denen Sie immer gerne reiten?

Wien ist für mich ein besonderes Turnier, das immer Spaß macht. Montelibretti nahe Rom in Italien ist ein Turnier, welches für mich mit besonderen Erinnerungen verbunden ist, da ich dort das Einzel und den Nationenpreis gewonnen habe. Ein Turnier bleibt immer ein Lieblingsevent, wenn man solche Erinnerungen daran haben darf.

Was fasziniert Sie ganz besonders am Vielseitigkeits-Sport? Welchen Teil der Vielseitigkeit mögen Sie am liebsten?

Ich reite ja auch häufig ganz normale Springen, insofern ist dies sicherlich meine Lieblingsdisziplin. Wir konnten bereits S-Siege verbuchen. Aber für die Vielseitigkeit habe ich mich entschieden, weil ich diesen Adrenalinstoß im Gelände einfach unglaublich finde. Ein unbeschreibliches Gefühl. Wenn man den letzten Sprung hinter sich bringt und dann ins Ziel galoppiert – da ist Adrenalin pur. Mit der Dressur habe ich dagegen nicht ganz so viel am Hut. Allerdings arbeite ich sehr hart daran, besser zu werden. Wer hier stagniert, hat schon verloren. Mittlerweile schaffen wir schon eine 40er Dressur, aber wir wollen natürlich noch deutlich besser werden…

Sie waren einige Zeit keine Vielseitigkeit geritten, um dann 2014 wieder voll einzusteigen. Was waren die Beweggründe für Ihre Pause den für den Wiedereinstieg?

Das ist eine lange Geschichte, die eigentlich schon im Jahr 2000 begann. Ich bin seitdem für einige Jahre gar nicht mehr geritten. 2000 war ich eigentlich sehr gut unterwegs und bei der Qualifikation für Sydney mit dabei. Bei der dritten Qualifikation in Achselschwang war ich dann mit meinem damaligen Pferd What´s up sehr gut unterwegs. Als wir aus dem Gelände kamen, hatten die Tierärzte noch bestätigt, dass er gesund und fit sei. Doch einige Stunden später rief meine Pflegerin mich an, dass etwas passiert sei. Vom Tierarzt wurden dann mehrere Sehnenschäden festgestellt. Ich fühlte mich damals unendlich schuldig und mir tat mein Pferd so leid. Ich hatte eine sehr enge Beziehung zu ihm, da ich ihn von der Ausbildung unter dem Reiter bis hin zur S gebracht und eine wahnsinnig enge Beziehung zu ihm hatte. Ich habe mir damals gedacht, dass ich damit aufhören müsste, da ich auch mir die Schuld an seiner Verletzung gab, da ich ihn in dieser langen Prüfung geritten hatte.

2008 hatte mich dann der Virus doch wieder eingeholt. Ab da ritt ich kleinere Turniere (Kurzprüfungen), allerdings ging es eher langsam voran. Als ich meine ganzen ehemaligen Kollegen sah, die mittlerweile bei Olympia unterwegs waren, dachte ich mir, dass ich es doch eigentlich auch nochmal versuchen könnte. 2010 kaufte ich wieder ein Buschpferd, 2012 ritt ich wieder eine Ein-Sterne-Vielseitigkeit.

Ihr bestes Pferd ist Brookfield De Bouncer. Wie haben Sie ihn bekommen?

Es war ein großer Zufall. Nico Hauf, der bei der Deutschen Bank arbeitet und eigentlich gar nichts mit Pferden zu tun hat, sondern absoluter Fußball-Fan ist und mich dennoch unterstützt, saß mit mir zusammen und wir sprachen über die alten Zeiten. Er meinte, ich solle nach einem Pferd suchen – er würde mich unterstützen. Brookfield De Bouncer war damals in Großbritannien und wurde vom Australier Kevin McNab geritten, der jedoch wegen verbotener Medikation gesperrt wurde. Seine Besitzer wollten ihn daraufhin verkaufen. Er war auch bereits von Käufern in den USA erworben worden, aber da ging nicht alles glatt – und ich habe meine Chance genutzt, bin hingeflogen und habe ihn gekauft. Auch die Engländer hatten ihn alle nicht gewollt, da er als eher schwierig galt, aber ich ritt ihn – und fand ihn richtig gut.

Pfingstturnier 2016 Jörg Kurbel mit Familie und Sponsor Nico Hauf / Foto: Lutz Kaiser

Pfingstturnier 2016 Jörg Kurbel mit Familie und Sponsor Nico Hauf / Foto: Lutz Kaiser

Wie viele Pferde haben Sie momentan unter dem Sattel? Auf welche setzen Sie in der Zukunft ganz besonders?

Ich reite täglich zwischen sechs und acht Pferden. Vier davon gehen in Drei-Sterne-Prüfungen – neben „Tommy“ sind es Entertain You, Balladeer Promise und Dunkas. Entertain You ist ein erst achtjähriger Hannoveraner-Wallach, der gerade mit mir in Ungarn das CIC*** gewonnen hat. Balladeer Promise, ein zehnjähriger Irischer Wallach, war auch mehrfach platziert, beispielsweise in Wiener Neustadt. Dunkas ist ein 13-jähriger Belgischer Wallach, der bereits unter Marc Rigout an Olympischen Spielen teilnahm.

Wie begann Ihre Liebe zum Pferd? Sind Sie schon früh als Kind geritten und mit den Tieren aufgewachsen?

Ja, ich hatte durchaus schon immer ein wenig mit Pferden zu tun. Mein Vater ritt hobbymäßig bis Klasse M, meine Mutter ritt nicht. Mit fünf Jahren hatte ich meine ersten Reitstunden, mit sechs Jahren ritt ich mein erstes E-Springen. Danach folgten dann viele kleine Springen, Jugendreiterprüfung und so weiter. Einige Zeit spielte ich als Kind dann auch Fußball und wollte nicht mehr wirklich reiten, aber mit 10 oder 11 Jahren fand ich wieder zu den Pferden zurück. Ab da wollte ich dies auch wirklich professionell weitermachen. Mit 16 ritt ich dann auch schon S-Springprüfungen. Danach ging ich auf dem Gestüt Tannenhof bei den Plönzkes in die Lehre. Mein Ausbilder dort war Harry Klugmann, der 1972 auch Olympische Spiele ritt und über zehn Jahre im A-Kader war. Er hat mich dazu gebracht, mit der Vielseitigkeits-Reiterei zu beginnen.

Sie betreiben einen eigenen Reitstall. Was bieten Sie dort alles an?

Wir haben heute einen Hof mit rund 40 Pferden. Dort bieten wir einen Pensionsbetrieb, aber auch Beritt von Pferden sowie eine Reitschule.

Sie leiten den Hof gemeinsam mit Ihrer Frau. Wie sieht die Aufgabenteilung aus? Wer kümmert sich um was?

Meine Frau hat einen Schulbetrieb für Kinder und hat sechs Schulponys. Wir machen im Grunde alles – quer durch die Bank. Auch meine Frau reitet ja Vielseitigkeit und war schon Hessen-Meisterin. Sie ist bis zur Ein-Sterne-Vielseitigkeit unterwegs. Allerdings steckt sie für meinen Erfolg häufig zurück. Das bewundere ich sehr und ich bin auch sehr froh darüber, dass sie mich derart unterstützt. Natürlich muss ich an dieser Stelle auch meine Eltern und Schwiegereltern erwähnen. Wir haben drei Mädels, die immer bei den Eltern und Schwiegereltern sind, wenn wir wieder unterwegs sind. Diese Unterstützung, wenn wir bereits ab Mittwoch auf dem Turnier sind, kann ich gar nicht hoch genug einschätzen. Meine drei Kinder sind mittlerweile auch schon mit ihren Ponys, allerdings noch ganz spielerisch, unterwegs und haben viel Spaß mit ihnen.

Wie sieht ein ganz normaler Tag bei Ihnen aus?

Mein Tag hat ehrlich gesagt 26 Stunden (oder müsste diese haben). Ich bin den ganzen Tag mit den Pferden beschäftigt, viel Freizeit gibt es nicht. Morgens sind wir noch in der Familie zusammen, dann geht es für die Kinder in die Schulen und ich sitze meist schon ab 8 Uhr auf dem Pferd. Bis zum Nachmittag geht das so weiter. Nachmittags kommen dann die Reitschüler. Ich habe auch einige bekannte Namen unter meinen Schülern wie Jerome Robine, der ja bereits bei Junioren-Europameisterschaften unterwegs war. Er kommt sehr häufig zum Training, wie auch einige andere ambitionierte junge Reiter. So habe ich rund um die Uhr mit den Pferden zu tun.

Gibt es auch einmal ein Leben jenseits der Pferde?

Eher selten. Ich bin Bayern-München-Fan und bin auch im Fanclub bei uns im Nachbarort. Wir sitzen dort häufig im Clubraum zusammen und schauen uns Spiele an. Wenn ich keine Turniere habe, fahre ich auch schon mal zu einem Spiel im Olympiastadion. Ab und zu ein paar Stunden ohne Pferd gibt es also schon.

Was macht für Sie die Faszination am Pferd aus?

Mich fasziniert, dass kein Pferd gleich ist. Individuell das Pferd zu erkennen und zu verstehen, ist der Schlüssel, der auch einen guten Reiter ausmacht. Besonders schön ist es natürlich auch, ein Pferd, von dem jeder sagt, dass er es nicht schafft, bis zur schweren Klasse auszubilden und erfolgreich zu reiten. Das Potential in so manchem Pferd zu erkennen ist schon sehr speziell. Ich hatte einige Pferde, die ich mit drei oder vier Jahren kaufte, und die ich daraufhin in den großen Sport brachte.

Wenn Sie auf Ihre Erfolge blicken: An welchen erinnern Sie sich ganz besonders gern?

Das ist mit Sicherheit der Doppelsieg in Montelibretti, wo ich meine erste 3-Sterne-Vielseitigkeit gewonnen habe. Es war ein traumhaftes Erlebnis. Damals wurde ich zunächst nur mitgenommen, damit die Mannschaft voll wurde. Mein Brookfield de Bouncer war erst seine zweite 2-Sterne-Vielseitigkeit gegangen und dort auch platziert gewesen. Danach überredete man mich, dass ich doch 3-Sterne probieren sollte. Das Turnier war ein echtes Extrem. Wir hatten um die 40 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eigentlich Bedingungen, die für mein Pferd nicht wirklich geeignet sind. Da gibt es ja andere mit viel mehr Vollblut drin, die besser mit solch einem Wetter klar kommen. Doch dann war mein „großer Bär“ tatsächlich Schnellster im Gelände und ich konnte mich von meinem sechsten Platz nach der Dressur nach vorn arbeiten. Ich hätte nie damit gerechnet. Als erster Reiter im Gelände war ich einfach nur froh war, zuhause zu sein. Mir war das gute Ergebnis für die Mannschaft wichtig, aber dass es am Ende dafür reichen würde, ganz vorn zu sein, hatte ich nie im Kopf. Schließlich waren auch Olympia-Teilnehmer vor Ort. Am Ende durfte ich dann auf dem alten Olympia-Platz von Rom als letzter Reiter in den Parcours. Ich bin eine Nullrunde geritten, obwohl der Parcours sehr schwer war und das wenige schafften. Das war ein unglaubliches Gefühl.  Dieses Turnier hat sich bei mir im positiven Sinne ganz tief in mein Gedächtnis „eingefressen“.

Sie waren ja auch bereits in Nationenpreis Teams erfolgreich unterwegs. Ist solch ein Teameinsatz eine besondere Herausforderung?

Das kann ich so nur bestätigen, es ist etwas sehr Besonderes. Erst vor wenigen Monaten hatte ich solch ein Wahnsinns-Erlebnis. Ich gönne meinem „Tommy“ ja immer eine Sommerpause, da für ihn die heißen Temperaturen einfach nicht geeignet sind. Das wollte ich mit Bundestrainer Hans Melzer besprechen, der mich dann aber nochmal anrief und fragte, ob ich in Fontainebleau reiten wollte. Gleich zu Anfang der Saison 3-Sterne reiten, ist natürlich eine Riesenaufgabe. Ich durfte kurz vor dem Start noch mit Hans Melzer trainieren und hatte dann sogar die Ehre als letzter Mannschaftsreiter zu reiten. Dies war auch von meinen Kollegen sehr großzügig, da ich mir ja alle Schwierigkeiten, besonders im Gelände, anschauen konnte. Da kann ich auch nur Michael Jung, Sandra Auffarth und Andreas Ostholt danken, die mir das ermöglicht haben.

Der Teamgeist ist etwas ganz Besonderes, aber natürlich ist man auch stolz, wenn man am Ende nicht nur „mitreitet“ und das Streichergebnis liefert, wie man bei solch großen Namen vielleicht denken würde. Aber ich konnte mich bei diesem Turnier sogar als Drittbester im Team, vor dem späteren Badminton-Zweiten Andreas Ostholt und So is et, behaupten. Zum Ergebnis etwas beitragen zu können, ist ein besonderer Moment. Ebenso wie jede Teilnahme für Deutschland.

Haben Sie einen besonderen Wunsch/Ziel für die Zukunft?

Ich möchte unbedingt einmal in Aachen die Vielseitigkeit reiten. Das muss ein traumhaftes Gefühl sein. Und dann gibt es natürlich noch das große Ziel für jeden Reiter: Olympische Spiele. Ich möchte noch bis 2020 weiterreiten und versuchen zu den Spielen in Tokio anzugreifen. Das ist ein langgehegter Traum, den ich weiterhin verfolgen werde, auch wenn es aufgrund der zahllosen Top-Reiter bei uns sehr schwierig ist, ins Team für Olympia zu gelangen. Natürlich würde ich mir aus diesem Grund auch wünschen, ein Championats-Pferd zu bekommen oder auszubilden und möglichweise einmal auf eine EM- oder WM-Longlist zu gelangen, was ja bereits ein Schritt Richtung Olympische Spiele wäre. Dazu kommt der Traum von meiner ersten Vier-Sterne-Vielseitigkeit, den ich hoffentlich sobald wie möglich in Angriff nehmen kann.

Interview: Alexandra Koch