EM Strzegom: Klimke und Jung auf Einzelmedaillenkurs- gemischte Gefühle am Geländetag

Ein Tag der gemischten Gefühle am Geländetag der Europameisterschaften. Es hatten alle prophezeit, dass dieses Championat kein Dressurturnier wird, das ist es definitiv nicht.

Zunächst ein bißchen Statistik, die das Ganze vielleicht etwas verdeutlicht: 4 Paare schafften eine Nullrunde innerhalb der Bestzeit. 36 Paare konnten den Kurs ohne Hindernis- aber mit Zeitfehlern überwinden, davon waren 12 Paare deutlich über eine Minute langsamer als die Bestzeit.

14 Paare konnten den Kurs nicht zuende bringen, 4 Pferde kamen zu Fall, 4 Reiter kamen zudem aus dem Sattel. Zu allem Übel noch eine ganz schlechte Nachricht: Die Prüfung musste lange durch den Sturz im Stadion des Polen Michael Knap unterbrochen werden. Bei seinem Pferd Bob the Builder wurde eine irreparable Fraktur am Vorderbein diagnostiziert, er musste leider eingeschläfert werden.

5 der 13 Teams konnten alle Mannschaftsreiter ins Ziel bekommen (Großbritannien, Schweden, Italien, Belgien und Polen).

Unsere Gedanken dazu folgen, wir möchten erst einmal über die deutschen Paare berichten:

Schon bei Pathfinder Julia Krajewski lief alles nicht ganz nach Plan: „Die Ansage war klar alles geradeaus reiten und gucken was geht. Leider ist Sam von Anfang an in vielen Wendungen gerutscht, obwohl ich natürlich Stollen drin hatte mit denen ich auch sonst bei ihm immer sehr gut zurecht komme und er selten rutscht. In der Wendung zu 8b sind ihm die Füße weggeglitten und er hatte einfach keine Chance… ansonsten hat er eine grandiose Leistung abgeliefert, trotz rutschen Wahnsinnig für mich gekämpft und kam schnell und fit ins Ziel, er wollte heute alles richtig machen! Ich bin daher sehr stolz auf ihn auch wenn 20punkte natürlich ärgerlich sind, aber als erster Reiter hat man halt weniger Info, das ist der Nachteil an dieser Rolle..“ Ihren Teamkollegen gab sie noch mit auf den Weg, ihre Stollenwahl zu überdenken.

Josefa Sommer war mit speziellen Stollen ausgestattet am Start. An den Hinterhufen hatte sie je drei Stollen eingedreht und hatte ein sehr gutes Reitgefühl und Erfolg! Das Championatsdebüt meisterten sie mit Bravour, eine Nullrunde mit nur 6,8 Minuspunkten für die Zeit- wow! Josefa fehlten im Interview immernoch die Worte „ich kann kaum etwas anderes sagen, als unglaubliches Pferd- ich bin so stolz auf ihn! Ich konnte alles nach Plan reiten, 8a/b habe ich dann nach Julias Stop auf Nummer sicher lieber alternativ geritten. Sonst ging alles auf direktem Weg, Hannes war einfach nur unglaublich!“

Bettina Hoy und Seigneur Medicott hatten mit ihren phänomenalen Dressur so gut vorgelegt- und hatten heute das Glück so ganz und gar nicht auf ihrer Seite. Schon vor Hindernis 4 verlor „Micky“ ein Eisen, wegrutschen war dadurch unvermeidbar. Das kostete den Westfalen-Wallach so viel Sicherheit, er kam aus dem Rhythmus. An 4c kassierte das so hocherfolgreiche Paar einen Vorbeiläufer, aber die Reise ging weiter. Leider stürzten sie dann an Hindernis 10. Doch- Bettina vermeldet: „Leider hat Micky schon ganz früh ein Eisen verloren und wurde unsicher, weil er gerutscht ist. Schade, aber wir sind beide ok werden auf einem der nächsten Turniere wieder angreifen . Ich habe ein wenig Kopfschmerzen, Micky mümmelt derweil schon Heu, er hat zum Glück nicht einen Kratzer. Er ist eben ein sehr vorsichtiges Pferd. Das Wichtigste ist, dass ihm nichts passiert ist.“ Dass Bettina das Motto „aufstehen, Krone richten, weitermachen“ maximal beherrscht, hat sie in ihrer Karriere ja nun schon mehrfach bewiesen. Beweisen muss die grand dame wohl niemandem mehr, wie stark sie reiten kann- nicht nur 35 Jahre im Spitzensport und einige Medaillen setzen ein dickes Ausrufezeichen an ihren Namen.

Danach folgte der Stop der Prüfung aufgrund des oben erwähnten Sturzes. Rund eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant ging Ingrid Klimke mit Horseware Hale Bob OLD auf die Strecke. Sie hatte vorher schon angekündigt, in die Zeit reiten und eine Einzelmedaille in Angriff nehmen zu wollen. Und sie attackierte, jedoch immer voll konzentriert- das musste sie bei dem Kurs auch! An beiden schrägen Heckenkombinationen musste man doch kurz die Luft anhalten, Bobby schielte schon zur offenen Seite. Doch Ingrid machte unmissverständlich klar, dass heute nicht noch einmal so ein Missgeschick passiert wie in Rio und ritt beherzt weiter. Bobby ging konform! Der Plan ging auf, eine sehr schnelle Nullrunde brachte die beiden in Führung- Overnight-Leader nach dem Gelände.

Mit Spannung wurde auch der Ritt von Einzelreiter Kai Rüder erwartet. Auf den Punkt fit war er mit seinem Colani Sunrise zu den Europameisterschaften gereist. Die mit Abstand beste Dressurleistung der beiden wurde heute noch durch einen 1a Ritt durch das schwere Gelände getoppt, -3,2 kamen lediglich für die Zeitüberschreitung zu ihrem Ergebnis hinzu.

Und nun war dann auch schon der letzte Mannschaftsreiter, Titelverteidiger Michael Jung am Start. Seine fischerRocana FST ging den Kurs an, wie die letzten drei Jahre in Kentucky. Die kleine Stute kämpfte von Anfang bis Ende, stets perfekt unterstützt und auf die Linie gebracht von ihrem Meisterreiter. Bei 9.45 min. stoppte die Uhr im Ziel, die schnellste Runde des heutigen Tages. Lediglich an den Gräben ritt Michael beherzt zu, ansonsten hatten die beiden keinen Schreckmoment. „Rocana war echt spitze, sie galoppierte von Anfang an super bis zum Schluß und war an allen Sprüngen richtig gut konzentriert. An den Gräben hat sie heute etwas geguckt, aber auch das haben wir ja gut hinbekommen. Insgesamt war es eine ganz tolle Runde!“

Die beiden Nullrunden von Ingrid Klimke und Michael Jung brachten auch das Team wieder auf Spur, dass durch den Vorbeiläufer von Julia Krajewski und den Sturz von Bettina Hoy zurückgefallen war. Über Nacht liegen sie nun auf dem Silberrang:

  1. Großbritannien (-113,9)
  2. Deutschland (-123,0)
  3. Schweden (-128,5)

Die Einzelrangierungen:

    1. Ingrid Klimke- Hale Bob (-30,3)
    2. Michael Jung- Rocana (-32,8)
    3. Sara Algotsson-Ostholt (SWE)- Reality (35,0)
    4. Nicola Wilson (GBR)- Bulana (-35,5)
    5. Gemma Tattersall (GBR)- Quicklook (-36,7)
    6. Kristina Cook (GBR)- Billy the Red (-38,2)
    7. Sarah Ennis (IRL)- Horseware Stellor Rebound (-39,4)
    8. Rosalind Canter (GBR)- Allstar B (-40,2)
    9. Kai Rüder- Colani Sunrise (-40,3)
    10. Pietro Roman (GBR)- Barraduff (-41,0)

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14. Josefa Sommer- Hamilton (-47,8)
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21. Julia Krajewski- Samourai du Thot (-59,9)

Alle Ergebnisse Einzel

Alle Ergebnisse Mannschaft

Morgen geht es folgendermaßen weiter:

Sonntag, 20.08.2017
09:00 – 2. Verfassungsprüfung
11:00 – 12:45 – Springen – Teil I
14:15 – 15:30 – Springen – Teil II TOP25
15:35 – Siegerehrung und Verabschiedung der Teilnehmer

 

Wenn man den Geländetag aufmerksam verfolgte gab es vor allem eins: riesen große Unterschiede bei den einzelnen Ritten. Erfahrene Reiter wie Ingrid Klimke, Michael Jung, Nicola Wilson, Sara Algottson-Ostholt, Kai Rüder oder auch die Badminton-Fünfte Rosalind Canter konnten den Kurs rhythmisch und harmonisch absolvieren. Sicherlich gab es auch hier einige positive Beispiele bei noch nicht so erfahrenen Reitern, hier sei allen voran unsere Josefa Sommer genannt. Viele Paare wirkten aber regelrecht überfordert. Die erste große technische Aufgabe kam bereits an Hindernis 4, hier erwischte es 17 Paare. 8 Paare hatten dann einen Vorbeiläufer an Hindernis 28, den schrägen Hecken so kurz vor dem Ziel.

Alle Stimmen prophezeiten vorher bereits, dieses Turnier wird kein Dressurturnier. Das soll es ja auch nicht sein! Wie an der Spitze zu sehen ist, ist die Leistungsdichte in Europa enorm, die Reiter und Pferde müssen sicherlich Aufgaben bekommen um gefordert zu werden, und um am Ende den Besten der Besten als Europameister kühren zu können. Schon in der Dressur toppte ein Bestergebnis das nächste, auch im Gelände schenkten sich die Spitzenreiter nichts.

Mit 13 Nationen ist die Europameisterschaft in diesem Jahr sehr gut an Mannschaften bestückt, viele Einzelreiter gesellen sich noch dazu. Erfreulicherweise konnte beispielsweise Norwegen seit 1928 das erste Mal ein Team mit drei Paaren an den Start bringen.

Aber.. die Frage ist ja, wird man den schwächeren Nationen und Reiter-Pferde-Paaren so gerecht? Präsentieren wir so den Sport der Öffentlichkeit, wie wir ihn gerne haben? Bei vielen Bilder konnten wir diese Fragen ganz klar mit nein beantworten. Die immer technischer werdenden Kurse fragen sicherlich viel Rittigkeit und Vertrauen der Pferde ab, manchmal aber auch einfach zu viel. Sind diese hochtechnischen Kurse wirklich so viel fairer, sicherer und pferdefreundlicher ?

Wenn eine starke Nation wie die Franzosen, die als Mitfavoriten im Vorhinein gehandelt wurden, nur einen Reiter ohne Stop ins Ziel bekommt, ist das sicher auch ein klares Signal. Viele Nationen haben gar nicht die Möglichkeiten, wie sie in Großbritannien und Deutschland zu finden sind. Weder Prüfungen, noch Trainingsmöglichkeiten.

Wir hoffen sehr, dass morgen viele Pferde fit durch die Verfassungsprüfung traben, sodass wir noch einige Paare im Parcours bejubeln können.