Die Beständigkeit in der Weltspitze soll erhalten bleiben – Melzer und Bartle wollen auch nach 2016 noch bleiben

von Dr. Hans G. Stürmann

Doppelgold bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012, Doppelgold bei den Europameisterschaften 2011 und 2013 sowie Doppelgold bei der Weltmeisterschaft 2014 sind für das Leistungsniveau des deutschen Championatskaders Bestätigung und Verpflichtung zugleich. Darüber hinaus aber auch wohl Bürde, denn die Reiterelite anderer Nationen verbessert sich stetig und keine Siegesserie ist unendlich.

Dennoch: „Das erklärte Ziel ist, unseren Spitzenstatus in der Welt zu erhalten“ erklärt Holger Heigel, der Vorsitzende des Vielseitigkeitsausschusses im DOKR. „Wir wollen uns darüber gar keine Gedanken machen, denn unser Ziel ist definiert und alles andere wird sich ergeben. Dabei bleiben wir realistisch; wissen, dass in unserem Sport viele Faktoren zusammen kommen und auch das Quentchen Glück nicht fehlen darf“.

Der Championatskader ist für die nächsten Jahre gut aufgestellt

Für die nächsten Jahre zeigt sich Bundestrainer Hans Melzer sehr zuversichtlich: „Die Zweit- und Drittpferde mancher Championatsreiter sind mit ihren Erstpferden fast vergleichbar, so dass es durchaus denkbar ist, die EM in Blair Castle ebenso wie 2013 in Malmö mit einem neuen Satz von Pferden erfolgreich zu bestreiten und in Hinblick auf Rio 2016 einige bewährte Championatspferde zu schonen. Zudem haben unsere Topreiter super junge Pferde im Stall. So werden wir dieses Jahr einige hervorragende neue Drei-Sterne-Pferde sehen; auch von Reitern, die derzeit nicht im Championatskader sind. Auch können wir langfristig planen, denn alle Pferde sind für uns gesichert und nicht verkaufsgefährdet“. Hinter den acht Mitgliedern des Championatskaders reiten sich aus dem B-Kader hochtalentierte Nachwuchsreiter wie Claas Hermann Romeike, Niklas Bschorer und Julia Krajewski sowie aus dem C-Kader der Jungen Reiter Christoph Wahler nach vorne. Aber, so Hans Melzer, „Gegen die Truppe anzureiten, die jetzt zum Championatskader gehört, ist schwer!“.

Hans Melzer und Chris Bartle wollen auch nach 2016 noch bleiben

Über die Olympischen Spiele 2016 in Rio hinaus scheint derzeit auch die entscheidende Arbeit des erfolgreichen Bundestrainergespanns Hans Melzer und Chris Bartle gesichert. Dazu Hans Melzer: „Chris hat zu mir gesagt: Wenn du weitermachst, mache auch ich weiter. Und ich habe geantwortet: Kein Thema! Man brennt noch und wir wollen den Spitzenstatus behalten, den wir in unserem Sport erreicht haben“.
Dabei ist Chris Bartle nicht nur als Bundestrainer unverzichtbar: Sein renommiertes Yorkshire Riding Centre ist, wie Hans Melzer sagt, „unser deutsches Trainingszentrum in England. Alle unserer Perspektivgruppenmitglieder trainierten mindestens zwei Monate dort. Danach kamen sie wie gewandelt zurück. Sie waren bei den normalen englischen Turnieren gegen Weltklasseleute angetreten und hatten erlebt, dass auch die nicht nur Vier-Sterne-Pferde reiten“.

Die öffentliche Wahrnehmung der Vielseitigkeit blieb gering

In diese positiven sportlichen Aussichten mischen sich indessen auch Bedenken, denn trotz aller glänzenden internationalen Championatserfolge hat sich die öffentliche Wahrnehmung der Vielseitigkeit in Deutschland nicht gesteigert.
Das Interesse an der Basis, den Vielseitigkeitssport nun auch selber zu betreiben, ist bei Jugendlichen nicht gewachsen, der Anteil der Vielseitigkeits- und Geländeprüfungen bei nationalen Turnieren liegt weiterhin bei knapp 1,4 Prozent und das Interesse der Medien ging im Print- und TV-Bereich eher zurück.
An der Basis sind Ausbildungsmängel häufig nicht zu übersehen, zumal der jugendliche Nachwuchs fast nur noch aus Familien im städtischen Umfeld kommt, denen der Bezug zu Pferden fremd ist. Der für den Nachwuchs zuständige Bundestrainer Rüdiger Schwarz bedauert, dass an der Basis häufig noch nicht professionell genug trainiert wird, um zu beständigen und erfolgversprechenden Leistungen zu kommen.

Holger Heigel hält es für nötig, den Vielseitigkeitssport besser an die Familien reitsportbegeisterter Kinder heranzuführen, bei der Talentförderung an der Basis bessere Perspektiven zu bieten und den am Profisport interessierten Talenten auch ökonomisches Verständnis für die Sicherung einer Existenzgrundlage zu vermitteln. Als „Zugelement“ für Jugendliche hat sich nach den Erfahrungen von Rüdiger Schwarz das Miterleben und das Lernen bei bereits erfolgreichen jungen Reiterinnen und Reitern erwiesen. Dadurch werde das Bewusstsein vermittelt, selber ernsthaft am Reiten zu arbeiten, um bessere Leistungen zu erreichen.

Auch die Teilnahme oder das Zuschauen bei Lehrgängen bekannter Kaderreiter kann Jugendliche für die Vielseitigkeit begeistern. „Solche Vorbilder steigern als Sympathieträger die Attraktivität unseres Sports“ wertet Holger Heigel und weist darauf hin, dass in Regionen, in denen erfolgreiche Kaderreiterinnen und –reiter beheimatet sind, auch das Medieninteresse größer ist. Insbesondere dann, denn die Aktiven ihre Medienkontakte zu pflegen wissen und gut mit digitalen Medien (Internet, Facebook, Twitter) umgehen können.

Wie lassen sich neue Zielgruppen und Sponsoren finden?

Für die Vielseitigkeit scheint es weiterhin schwer zu sein, Menschen zu gewinnen, die von diesem Sport überhaupt noch keine Vorstellung haben. Die überregionale Presse zeigt sich allenfalls an Championaten interessiert und das Fernsehen schiebt ihre kürzer werdenden Übertragungen auf regionale Programme ab.
Mangelt es aber so an Medienberichten, zeigt auch die Wirtschaft kein großes Interesse an einem Sponsoring für die Vielseitigkeit, da die Werbewirkung für ihre Produkte zu gering bleibt. So hat Volker Wulff vom EN GARDE Marketing schon vor Jahren festgestellt, dass der Reitsport sich trotz seiner besonderen Vorzüge nach betriebswirtschaftlichen und marketingtechnischen Gesichtspunkten nur schwer verkaufen lässt. Wulff regte darum an, „konzeptionelle Anknüpfungspunkte an die Unternehmensziele oder entsprechende Neigungen in den Führungsetagen zu entdecken“. Dabei hält er es für wichtig, solche potentiellen Sponsoren bereits im Vorfeld zu pflegen, sie zu Turnieren oder auf Reitanlagen einzuladen, sie so mit der Gesamtmaterie vertraut zu machen und in die entsprechende Gesellschaft einzuführen, so dass sie sich wohlfühlen können.

Um das in der Vielseitigkeit zu erreichen oder zu intensivieren, empfiehlt Holger Heigel, der in diese Richtung bereits seine Initiativen entfaltet, eine bessere Vernetzung der Reiter, Pferdebesitzer und Veranstalter untereinander. „Um neue Zielgruppen zu erschließen und Sponsoren zu gewinnen, müssen wir Freundeskreise gründen, die kompetent und aktiv Kommunikation für unseren Sport betreiben. Dabei muss eine aktive Akquisition betrieben werden, die mögliche Kunden interessiert und ihnen etwas bietet“.

Muss sich die moderne Vielseitigkeit noch weiter wandeln, um attraktiv zu bleiben?

Letztlich wird auch zu diskutieren sein, ob sich die modern gewordene Vielseitigkeit noch weiter wandeln muss, um attraktiv zu bleiben. Zudem stellt das IOC für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio alle olympischen Sportarten neu auf den Prüfstand. Gefragt werden dürfte dann, ob ein Sport global betrieben wird und keine zu hohen Kosten verursacht. Für die Vielseitigkeit wäre da zu überlegen, ob zukünftig ein Nebeneinander der Classics-Serie von CCI4* auf höchstem Niveau mit hohen Preisgeldern einerseits und andererseits aller internationalen Championate – also auch der olympischen Vielseitigkeit und der Weltmeisterschaften – auf einem für mehr Nationen zugänglichen Drei-Sterne-Level sinnvoll wäre.

Diskutieren könnte man zudem darüber, auch die Championate in der Reihenfolge Dressur-Springen-Gelände auszutragen und möglicherweise die Querfeldeinstrecken auf rund 6.000 Meter zu verkürzen.