Der Weg zum goldenen Erfolg bei Championaten

von Dr. Hans G. Stürmann

Lange stand die deutsche Vielseitigkeit im Schatten des international erfolgreicheren Dressur- und Springsports. Dann aber entwickelte sich das Vielseitigkeitsreiten mit allen acht Goldmedaillen bei den letzten vier internationalen Championaten zu der erfolgreichsten deutschen Pferdesportsparte.

Mit insgesamt zwölf Goldmedaillen bei den von 2006 bis 2014 ausgetragenen neun internationalen Championaten – zwei Olympischen Spielen, drei Weltmeisterschaften und vier Europameisterschaften – gewannen die deutschen Vielseitigkeitsaufgebote dreimal so viel Gold wie in den vorausgegangenen 54 Jahren zwischen 1952 und 2005, wo es insgesamt nur viermal Gold zu feiern gab!

Vergleichbare Erfolge erzielte lediglich Großbritannien in den frühen Jahren bis 1991. Als nahezu unschlagbar erwiesen sich damals die galoppierstarken Blutpferde der Briten mit Ausdauer und Stehvermögen im Gelände. Sie waren das Ergebnis einer Jahrhunderte langen Zuchtidee, um bei Fuchsjagden und im Steeplechasing schneller und ausdauernder zu sein als der Nachbar. Inzwischen ist die Vielseitigkeit nun zu einem modernen Sport mit vielseitigeren Anforderungen geworden.

Das neue CCI-Format: „Ein Schritt in unsere Richtung“

Die Änderung des CCI-Formats, das 2004 auch für die internationalen Championate übernommen wurde, war für Bundestrainer Hans Melzer „ein ganz großer Schritt in unsere Richtung“.

Anspruchsvollere Dressuraufgaben, höhere technische Anforderungen im Parcoursspringen sowie ein moderner Geländeaufbau, der mehr Rittigkeit und Durchlässigkeit von den Pferden verlangt, „hat das Reiten mehr in den Vordergrund gerückt und kommt damit der deutschen Reitausbildung mit ihrem Grundlagentraining sehr entgegen“ wertet Hans Melzer die Entwicklung. Zudem vermindert der Wegfall der Rennbahn die Gefahr von Sehnenverletzungen bei Pferden beträchtlich und verbessert damit ihre Leistungskonstanz erheblich. Desweiteren führte diese Veränderung des Sports zu mehr Startmöglichkeiten in CCI sowie den kürzeren CIC und förderte dadurch die Professionalisierung der Reiter. „Sie können nun viel mehr Pferde halten, erfolgreicher werden und mit dem Sport ihre Existenz sichern“ analysiert Hans Melzer.

Hans Melzer, Christopher Bartle: Das neue Trainerteam seit 2001

Als Pferdewirtschaftsmeister Hans Melzer (geb. 1951) im Frühjahr 2001 zum Bundestrainer berufen wurde, befand sich die deutsche Vielseitigkeit in einer ernsten Vertrauenskrise. Nach den Olympischen Spielen 2000 in Sydney hatte FN-Präsident Dieter Graf Landsberg-Velen gefordert, „die strukturellen und persönlichen Konsequenzen aus der augenblicklichen Situation in der Vielseitigkeit zu ziehen“. Neben Cheftrainer Hans Melzer wurde zugleich der als Dressur- und Vielseitigkeitsreiter sowie auch als Trainer international erfolgreiche Engländer Christopher Bartle (geb. 1952) als weiterer Bundestrainer verpflichtet. Diese „externe Lösung“, die von Christoph Hess, dem damaligen Leiter der FN-Abteilung Ausbildung, vorgeschlagen worden war, hat sich im Laufe der Jahre als überaus glücklich erwiesen.

Holger Heigel, der seit 2009 als Vorsitzender des DOKR-Vielseitigkeitsausschusses den Trainern den Rücken deckt und als Unternehmer seine wirtschaftlichen Erfahrungen und Verbindungen einbringt, sieht in Hans Melzer und Chris Bartle einen ganz entscheidenden Grund für die deutschen Championatserfolge: “Bei ihnen kombiniert sich sehr viel fachliche Kompetenz mit hohem Einfühlungsvermögen. Sie ergänzen sich fantastisch mit ihren Stärken und ihren unterschiedlichen Schwerpunkten, die gegenseitig toleriert und akzeptiert werden. So haben sie untereinander und zu den Kaderreitern eine Vertrauensbasis geschaffen, die für eine positive Grundstimmung und eine hohe Motivation sorgt“

Es ist alles transparenter geworden

Hans Melzer, der 1975 und 1977 als Einzelreiter zu dem deutschen EM-Aufgebot gehörte, wusste aus seiner aktiven Zeit, „wo man sich festgefahren hatte“ und ließ keine Cliquenwirtschaft aufkommen.

Wir sind auf unsere Kaderreiter individueller und gezielter zugegangen und haben die Heimtrainer ebenso wie die Spezialtrainer zur Ergänzung einbezogen. Denn es geht nur, wenn jeder zuhause an sich arbeiten kann“. Darum werden diese Trainer stets auf dem Laufenden gehalten und sind beim letzten Vorbereitungslehrgang vor Championaten anwesend. „Es geht allen um den Erfolg und darum wird keiner mehr ausgegrenzt“ erklärt Holger Heigel.

Von Anfang an war für Hans Melzer und Chris Bartle die Kommunikation zu den Reitern sehr wichtig. „Es ist alles transparenter geworden, jeder weiß, was der andere macht. Die Reiter tauschen sich vielmehr untereinander aus und akzeptieren ohne Neid die Erfolge der anderen“ stellt Hans Melzer zufrieden fest. Als er 2012 vom DOSB zum Trainer des Jahres gewählt wurde, fasste Ingrid Klimke das Wesentliche in ihrer Laudatio treffend zusammen: „Du formst immer wieder aus uns Individualisten im Sattel ein perfekt harmonisierendes und exakt funktionierendes Team“.

Moderne Methoden tragen zum Erfolg bei

Die erfolgsorientierte und überzeugende Arbeit der Bundestrainer hat es auch leichter gemacht, die Kaderreiter für moderne sportwissenschaftliche Methoden zu gewinnen. Denn, so Hans Melzer, „sie wollen gewinnen und wissen, dass sie als starkes Team die kalkulierbarsten Chancen dazu haben“.
Dabei vermittelt die Leistungsdiagnostik während des Trainings über GPS Daten zu Herzfrequenzen und Laktatwerten der Kaderpferde, aus denen sich Erkenntnisse über ihre Leistungsfähigkeit und Leistungsgrenzen ergeben. „Noch in den Anfängen aber sehr interessant, um individueller zu arbeiten und möglicherweise das Training zu verändern“ urteilt Hans Melzer. Die Kaderreiter selber werden intensiv von dem Physiotherapeuten Dr. Christian Peiler aus Bielefeld betreut, der für jeden von ihnen ein passendes Fitnessprogramm entworfen hat und überprüft.

Chris Bartle: Als kreativer Praktiker unverzichtbar

Christ Bartle, 1984 Sechster in der olympischen Einzeldressur und 1998 Badmintonsieger, ist für die Kaderreiter bei Championaten als erfahrener und dabei ungemein kreativer Praktiker unverzichtbar geworden.

Nach dem Doppelgold bei den Olympischen Spielen 2008 in Hongkong hatten sich bei der EM 2009 in Fontainebleau erhebliche Schwächen im Gelände gezeigt, als Michael Jung zwar Einzelbronze gewann, alle übrigen fünf Reiter aber ausschieden. (Dazu Hans Melzer: „Wir waren etwas überheblich geworden und dachten, wer will uns schlagen“). 2010 bei der WM in Lexington gewann Michael Jung dann Einzelgold, vom übrigen Aufgebot blieb aber nur Ingrid Klimke im Gelände an den Hindernissen fehlerfrei und das Team kam über den fünften Rang nicht hinaus.

Danach zog Chris Bartle das kritische Fazit: „Ohne ein gutes und kalkulierbares Geländereiten geht es nicht. Wir dürfen hier nicht länger verlieren!“ Als Konsequenz analysierte Chris Bartle seine Videoaufzeichnungen der Geländeritte sehr intensiv und notierte alle Fehler und Fehlerquellen. Danach stellte er einige Regeln auf, die im Gelände zu beachten sind, um Fehler zu vermeiden. Sie sind seither für alle Championatsreiter verbindlich und werden von ihnen auch gewissenhaft beachtet.

Zudem dokumentiert Chris Bartle bei Championaten die Strecke und ihre Hindernisse zuvor akribisch, um Vorbereitungspunkte, Linien, Profil und Art der Hindernisse, taktisches Reiten sowie Stellen, die besondere Aufmerksamkeit erfordern, mit jeden Reiter eingehend zu besprechen. Fotos mit Texten sowie Aufzeichnungen auf dem Laptop stellt er danach zum Rekapitulieren zur Verfügung.

Alle diese Maßnahmen haben dann mit einen „Quentchen Glück“, wie Holger Heigel bemerkt, bei den vier Championaten seit 2011 zu allen acht Goldmedaillen sowie dreimal Einzelsilber und zweimal Einzelbronze geführt.