Der Vielseitigkeitsnachwuchs: Ein Boom blieb aus, die Leistungsstärke steigt, professionelles Training führt zum Erfolg.

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Der Vielseitigkeitsnachwuchs: Ein Boom blieb aus, die Leistungsstärke steigt, professionelles Training führt zum Erfolg.

von Dr. Hans G. Stürmann

Die seit 2011 permanenten internationalen Championatserfolge der deutschen Vielseitigkeitssenioren haben das Interesse Jugendlicher, den Vielseitigkeitssport nun auch selber zu betreiben, nicht wachsen lassen. Verstärkt hat sich aber das Engagement jugendlicher
Vielseitigkeitsreiter, „mit Fleiß und Energie gute Leistungen zu erbringen“ stellt Bundestrainer Rüdiger Schwarz fest.

Diplomtrainer Rüdiger Schwarz, in den siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre selber erfolgreicher Championatsreiter, betreut die Junioren (14 bis 18 Jahre) als Bundestrainer seit 1987 und die Jungen Reiter (16 bis 21 Jahre) seit 2001. Er glaubt nicht, dass sich zukünftig mehr Jugendliche für den Vielseitigkeitssport gewinnen lassen. Darum hält er es für wichtig, „mit guter Betreuungsarbeit dafür zu sorgen, dass dieser Sport attraktiv genug bleibt, um ihn nicht nur Jugendlichen schmackhaft zu machen, sondern auch ihren Eltern, die sie als starke Stütze brauchen“.

Das Interesse am Reitsport wird bei Jugendlichen geringer
Die demographische Entwicklung mit geringeren Kinderzahlen sowie die veränderten Schulstrukturen mit mehr Ganztagsunterricht führen seit einigen Jahren in Reitvereinen ebenso wie auch in anderen Sportvereinen zu einem erheblichen Rückgang der jugendlichen Mitgliederzahlen.
Hinzu kommt für den Reitsport, dass die am Reiten interessierten Jugendlichen zunehmend aus Gesellschaftsschichten kommen, wo die Eltern nie mit Pferden zu tun hatten, denen darum das Verständnis zum Umgang mit Pferden fehlt, und die ihren Kindern deshalb wenig
förderlich bei einer guten Reitausbildung und bei Turniervorbereitungen sein können. Hinzu kommt, dass es häufig auch bei reitbegeisterten Kindern an der erforderlichen persönlichen Fitness für diesen Sport fehlt.
Das gilt insbesondere für den trainingsaufwendigen Vielseitigkeitssport, dessen Anteil am nationalen Pferdesportgeschehen trotz der überragenden Championatserfolge weiterhin gering geblieben ist. So lag der Anteil der Vielseitigkeits- und Geländeprüfungen 2009 bei 1,39 Prozent und 2013 bei 1,38 Prozent. Die Zahl der Prüfungen und Starts sank dabei von 997/22.260 im Jahre 2009 auf 952/21.880 im Jahre 2013. Demgegenüber verzeichnete der ebenfalls leicht rückläufige Springsport 2013 beachtliche 823.307 Starts in 33.846 Prüfungen.

Ausbildungsmängel nicht zu übersehen.
Bei einem disziplinübergreifenden Trainerkongress des DOKR im November 2014 stellte Thies Kaspereit, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft, fest : „In den Köpfen
vieler Reiter mangelt es an Einsicht in die Zusammenhänge von Grundlagen-, Aufbau- und Leistungstraining. Viele verfahren nach der Devise, eine Stunde Reiten am Tag reicht aus. Oft verhindert die Sorge vor zu viel Belastung oder die Angst vor Verletzung des Pferdes das effektive Training“. Rüdiger Schwarz fügte ergänzend hinzu: „Wir stellen leider zunehmend fest, dass die Jugendlichen oft planlos sind, was zielgerichtete Ausbildung und Konditionstraining für Reiter und Pferde betrifft“.

Systematisches Training führt zum Erfolg
„Für einen reitbegabten Jugendlichen, der die Möglichkeit nutzt, den Vielseitigkeitssport mindestens drei- bis viermal in der Woche zu betreiben und dabei von einem guten Trainer betreut wird, ist der Weg zum Erfolg vorprogrammiert“ erklärt Rüdiger Schwarz. Er bedauert, dass an der Basis häufig noch nicht professionell genug trainiert wird, um zu beständigen
Leistungen zu kommen.
Der Bundestrainer betont, dass nur ein qualitativ gutes Training das Reiten fördert. Dazu sei es wichtig, den Trainingsplan individuell auf den einzelnen Reiter abzustellen, wobei es nicht nur um das tägliche Reiten gehe, sondern auch um die eigene Fitness. Zudem müsse
schon der junge Reiter die Leistungsfähigkeit und die Leistungsgrenzen seines Pferden erkennen lernen; auch um Verletzungen durch Überforderung vorzubeugen.
Auf diesem Gebiet der Leistungsdiagnostik ist in Warendorf die Vielseitigkeitssparte am fortschrittlichsten, was sich auch in den Championatserfolgen widerspiegelt. Auf Landestrainerseminaren wird versucht, diese Erkenntnisse weiterzugeben, um eine möglichst einheitliche Linie für erfolgreiches Training zu finden.
Erfreut stellt Rüdiger Schwarz fest, dass zunehmend bereits erfolgreiche junge Reiterinnen und Reiter Jugendliche um sich scharen und ihnen als „eine Art Zugelement“ das Bewusstsein zu vermitteln, dass nötig ist, ernsthaft an ihrem Reiten zu arbeiten, um bessere Leistungen zu erreichen.
Nachdrücklich weist der Bundestrainer darauf hin, dass durch Trainereinflüsse bei Junioren in kurzer Zeit sehr viel zu bewirken sei. Leider sei es im Juniorenbereich aber so, dass die Jugendlichen häufig zu spät vom Pony zum Großpferd kämen. Dann werde häufig die Zeit zu knapp, um im Juniorenbereich erfolgreich Fuß zu fassen.

Das Nachwuchschampionat und das U15-Finale sind erste Schritte zu Turniererfolgen und
zu einer Kaderberufung.
Ein Anreiz, früh genug auf das Großpferd umzusteigen, soll das bereits 1989 eingeführte
Warendorfer Nachwuchschampionat bieten, zu dem Jugendliche im Alter von 15 Jahren und jünger zugelassen sind und von ihren Landesverbänden nominiert werden. Die kombinierte Prüfung besteht aus Dressur, Stilspringen, Stilgeländeritt, Theorie, Vormustern sowie als Fitnesstest für die Reiter wahlweise einem 2000-Meter-Lauf oder 600-Meter-Schwimmen.
Um danach jungen Talenten den Schritt von der A-Vielseitigkeit zum internationalen Ein-Sterne-Level, dem Niveau der Junioren-DM, zu erleichtern, wurde zudem 2011 das U15-Bundesfinale eingeführt. Dabei handelt es sich um eine im Herbst ausgetragene L-Viel-
seitigkeit, bei der als Vorstufe zur DM die Anforderungen etwas unterhalb eines CCI1* liegen.
Bei guten Leistungen im U15-Finale besteht für Nachwuchstalente die Möglichkeit, in den D/C-Perspektivkader aufgenommen zu werden, dem 2015 sieben Mitglieder zwischen 12 und 15 Jahren mit Großpferden und auch Ponys angehören. Ihnen werden neben Lehrgängen auch Stipendien oder Trainingsaufenthalte bei erfahrenen Vielseitigkeitsreitern ermöglicht.
Wer ernsthaft arbeitet, um in der Vielseitigkeit Fuß zu fassen und dabei Talent zeigt, kann auch dann, wenn er noch keinem Kader angehört, die Chance bekommen, im Warendorfer
Bundesleistungszentrum (BLZ) ohne Mehraufwand zu trainieren. „Wer interessiert ist und bei dem wir glauben, dass es sich lohnt, Arbeit hineinzustecken, kann kommen und unter Kaderbedingungen mitmachen“ erklärt Rüdiger Schwarz.
Ziel mag es dann sein, in den B/C-Kader Junioren/Junge Reiter berufen zu werden, dem 2015 zehn Reiterinnen und Reiter angehören, von denen erwartet wird, dass sie gut genug werden
können oder bereits sind, um erfolgreich in den Vielseitigkeitssport hineinzuwachsen. Danach steht ihren der C-Kader Junioren oder später der C-Kader Junge Reiter offen, wobei dann Leistungen erwartet werden, die eine Teilnahme an Europameisterschaften rechtfertigen oder erwarten lassen.

Zielgerichtete Ausbildung führt zu EM-Erfolgen
Dass mit planmäßigem und professionellem Training in der Vielseitigkeit viel zu erreichen ist, zeigen die eindrucksvollen Erfolge der deutschen Nachwuchsreiter bei ihren Europameisterschaften, die lediglich von den jungen Briten übertroffen werden.
Bei den seit 1967 ausgetragenen 47 Europameisterschaften der Junioren gewannen deutsche Aufgebote bisher insgesamt 64 EM-Medaillen und stellen 14 Titelträger in der Einzel- sowie auch in der Mannschaftswertung. Doppelgold gab es zuletzt 2009 sowie 2010 und nach einem Durchhänger in den folgenden drei Jahren 2014 nun wieder Teamsilber und Einzelbronze.
Bei den seit 1981 ausgetragenen 34 Europameisterschaften der Jungen Reiter blieben die deutschen Teilnehmer bei den letzten 14 Championaten nie ohne Medaillen. Sie stellten 14 mal den Einzelsieger, dabei zuletzt 2011 mit Freya Füllgraebe, 2012 mit Pia Münker und 2014 mit Charlotte Sophia Hachmeister. Pia Münker gehört inzwischen zum B-Kader und die anderen beiden EM-Siegerinnen zum B2-Kader. Zudem holten sich die deutschen Jungen Reiter neunmal den Mannschaftstitel und gewannen insgesamt 56 EM-Medaillen.
„Früher kamen unserer Championatsreiter aus dem Lager der ländlichen Reiter, seit einiger Zeit kommen sie nun aber aus dem Kader der Jungen Reiter und das Durchschnittsalter
verjüngt sich dabei“ resümiert Bundestrainer Rüdiger Schwarz zufrieden.